„Wir leben in einer historisch bedeutenden Zeit“

Die Digitalisierung stellt die Automobilindustrie vor die aktuell größte Herausforderung in ihrer bislang 130-jährigen Geschichte: Die Rolle des Fahrzeugs wandelt sich vom Fortbewegungsmittel hin zu einem mobilen Endgerät, vernetzt über Cloudsysteme mit anderen Fahrzeugen und Geräten, die als Internet der Dinge miteinander kommunizieren. Der Erfolg eines Neufahrzeugs hängt zunehmend davon ab, inwieweit es gelingt, das Auto nahtlos in die individuelle Lebenswelt der Kunden zu integrieren. Rund 300 Teilnehmer des Internationalen Automobil Kongresses der Wolfsburg AG diskutierten  in Wolfsburg, welche Chancen die Digitalisierung der Mobilität mit sich bringt und wie die digitale Transformation entlang der automobilen Wertschöpfungskette gelingen kann.

In seiner Begrüßung der Kongressbesucher aus ganz Europa unterstrich Julius von Ingelheim, Sprecher des Vorstands der Wolfsburg AG, die besondere Komplexität und Tragweite der Digitalisierung der Mobilität: „Hersteller und Zulieferer sind gleichermaßen gefordert, ihre heutigen Produktions- und Vertriebsmodelle grundsätzlich zu überdenken.“ Nach den Grußworten von Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs und Wilhelm Dresselhaus, Vorstandsmitglied des Bitkom e.V. und Sprecher der GF Nokia Deutschland, gaben Referenten einen Einblick in Art und Umfang des tiefgreifenden Wandels der Automobilindustrie, der sich in den kommenden Jahren weltweit vollziehen wird. Moderiert wurde der Kongress von Ralf Brettig, stellvertretender Chefredakteur von automotiveIT und carIT, sowie Dirk Reusch, Verlagsleiter der Media-Manufaktur GmbH, zwei ausgewiesene Experten, wenn es um die Verbindung von IT und Mobilität geht.

Branche erfindet sich neu

„Wir leben in einer historisch bedeutenden Zeit, in der sich uns die Chance bietet, einen signifikanten Anteil an der Neuerfindung des Automobils und der Mobilität zu haben“, stieg Volkswagen Chief Digital Officer Johann Jungwirth, Schirmherr des Kongresses, in die Thematik ein. Die Disruption der Automobilindustrie hinsichtlich Digitalisierung - vom gefahrenen zum selbstfahrenden Automobil -, Nachhaltigkeit - vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb - und Urbanisierung - von Ownership zur Shared Mobility - werde die Welt grundlegend verändern. „Unser Ziel ist es, den Volkswagen Konzern vom Automobilhersteller zu einem weltweit führenden Anbieter nachhaltiger Mobilität weiter zu entwickeln, sowie die Demokratisierung der Mobilität umzusetzen“, sagte Johann Jungwirth. Dazu gehöre auch die Wandlung vom Hardware-Konzern zum integrierten Hardware-, Software- und Services-Unternehmen. „Das neue Geschäftsfeld für Mobilitätsdienste als 13. Marke des Volkswagen-Konzerns zu etablieren, ist ein entscheidender Schritt in Richtung Zukunft“, ergänzte Johann Jungwirth.

Das Auto als Mobilgerät

„Das Auto ist ein mobiler Lebensraum. Unsere Kunden erwarten einfach, dass sie bestimmte Online-Funktionen auch im Fahrzeug nutzen können", sagte Dr. Olaf Dübel, Leiter Neue Projekte VW Car-Net, MIB u. Soundsysteme der Volkswagen Aktiengesellschaft, der zu „Digitalen Innovationen für eine neue Mobilität“ referierte.

Auf dem Weg hin zum Pilotierten Fahren gibt es aber noch viel zu tun. Das zeigte Thomas Müller, Leiter Entwicklung Brems-, Lenk- und Fahrerassistenzsysteme bei der AUDI AG in seinem Vortrag „Chancen und Risiken auf dem Weg zum pilotierten Fahren“: „Sowohl technologisch, als auch rechtlich und gesellschaftlich muss noch viel geleistet werden. Aber diese Technologien tragen wesentlich zu Sicherheit, Zeitgewinn und Komfort bei.“ Big Data und neue Modelle für die Fahrzeugnutzung.

Im Themenblock „Intelligente Mobilität - Strategien erfolgreicher Zulieferer und Dienstleister“ machte Dr. Jan Wehinger, Senior Manager bei Mieschke Hofmann und Partner (MHP), auf die sich verändernden Geschäftsmodelle rund um die Digitalisierung der Mobilität aufmerksam. „Durch teilweise gemeinsam genutzte autonome Fahrzeugflotten sind komplett neue Konzepte von Besitz, Nutzung und Service denkbar“, sagte Dr. Wehinger. Für den Kunden entstehen durch das autonome Fahrzeug nutzbare Zeitfenster, die im Fahrzeug Räume für neue Services schaffen, welche die Unternehmen bespielen können und müssen.

Viel Raum gab der Kongress dem Thema „Big Data“, dem Einsatz großer Datenmengen aus vielfältigen Quellen mit einer hohen Verarbeitungsgeschwindigkeit. Big Data kommt u.a. beim Erstellen von Echtzeit-Roadmaps zum Einsatz. „Für vollautomatisiertes Fahren sind zentimetergenaue Karten essenziell“, betonte Christof Hellmis, Vizepräsident des Kartendienstes Here, der Anfang des Jahres seine HD Live Map vorgestellt hat. Diese liefert fahrspurgenaue Informationen über das Straßennetz, zu Baustellen oder Unfällen und aktualisiert sich selbstständig. „Wenn Fahrzeuge die Daten ihrer Sensoren mit diesen Karten-Daten abgleichen, sind sie in der Lage, die eigene Position exakt zu lokalisieren und schauen weiter nach vorn, als wir es jemals konnten“, erklärte Hellmis. Das komplett vernetzte, weitestgehend individualisierte Fahrzeug stand im Fokus des Vortrags „Mein Auto 4.0“ von Gernot Joswig. Der Prokurist des in Wolfsburg ansässigen Unternehmens ITConcepts Automotive sagte: „Wir arbeiten an Lösungen, die eine individuelle und intermodale Mobilität innerhalb des sich ändernden Nutzungsverhaltens ermöglichen.“ Das erweitert das persönliche Fahrerlebnis und sichert einen ständigen Datenaustausch für bedarfsgerechte Mehrwertdienste. Digitale Identitäten sind für diese Personalisierung des Fahrzeugs unabdingbar, ebenso wie für dessen Kommunikation mit anderen Fahrzeugen und der kommunalen Verkehrsinfrastruktur sowie für zukunftsweisende Assistenzfunktionen.

Sicherheit im Datennetz

Digitale Daten sind überall, doch wem gehören sie eigentlich und wie lässt sich ihr Besitz in einer digitalen Welt sicherstellen, um nachhaltiges Wirtschaften zu gewährleisten. Diese und weitere Fragen erörterte Heinrich Pettenpohl vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in seinem Referat „Industrial Data Space – Digitale Souveränität über Daten und Dienste“. Er stellte den Industrial Data Space als einen virtuellen Datenraum vor, der den sicheren Austausch und die einfache Verknüpfung von Daten in Geschäftsökosystemen auf Basis von Standards und mit Hilfe gemeinschaftlicher Governance-Modelle unterstützt. Im Ergebnis könnten Partner einer Wertschöpfungskette in gegenseitigem Einverständnis auf bestimmte Daten zugreifen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln oder ihre eigenen Prozesse effizienter zu gestalten.

„Um Wertschöpfungsprozesse in der Automobilzulieferindustrie anzuregen, ist die Internationale Zuliefererbörse, die sich in den vergangenen 15 Jahren als Leitmesse der Branche etabliert hat, ausgezeichnet geeignet“, schloss Thomas Krause, Vorstand der Wolfsburg AG den Kongress. Er verwies auf die Fachmesse, auf der vom 18. bis zum 20. Oktober rund 800 Aussteller aus 32 Nationen ihre Produktneuheiten in Wolfsburg vorstellen.